von Ulrike Schäfer
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Sind Yogis egoistisch?

Hindu im Yoga Sitz

Auf den ersten Blick sieht es oft so aus, als ob Menschen, die Yoga üben, sich hauptsächlich um sich selbst drehen. Zwischen Selbstfindung, grünen Smoothies, schicken Yogaklamotten und ganz viel Me-Time mit #selflove und #selfcare scheinen Hilfsbereitschaft und der Einsatz für andere oder die Umwelt eher eine geringe Rolle zu spielen. Aber ist sich denn im Yoga wirklich jeder selbst der nächste?

Wenn wir Yoga nicht als reines Workout sehen, dann müssen wir es aus dem Studio mit in den Alltag nehmen!

“sthiram sukham asanam”: Die Verbindung zur Erde sollte stabil und freudvoll sein.

Dieser Sanskritvers ist Vers 2.46 im Yoga Sutra von Patanjali, einem der wichtigsten Yogatexte überhaupt. “Sthira” bedeutet so viel wie stabil, fest. “Sukham” kann man mit “Süße, Freude” übersetzen. “Asana” ist der Sitz oder die Verbindung zur Erde.

Wenn in der Yogapraxis auf der Matte, der sogenannten Asanapraxis, von der Verbindung zur Erde die Rede ist, dann ist zunächst der Teil des Körpers gemeint, der in der jeweiligen Körperhaltung (Asana) den Boden berührt - zum Beispiel Füße, Hände oder Po. Yogis üben, diese Haltungen mit Stabilität und Leichtigkeit gleichzeitig auszuführen. Warum sie das tun? Um auch abseits der Matte eine stabile, freudvolle Verbindung zur Erde zu kultivieren.

Die Erde, von der hier die Rede ist, ist nicht nur der Boden unter deinen Füßen, sondern alles, was dich umgibt.

Deine Mitmenschen, nichtmenschliche Tiere, die Umwelt, die Natur. Die angesprochene Verbindung ist außerdem nicht nur dein physischer Berührungspunkt, sondern deine Beziehung zu all dem Genannten. Eine stabile und freudvolle Beziehung mit deiner ganzen Umwelt einzugehen, bedeutet, dass du als Yogi dein Bestes gibst, ihr nicht zu schaden, sondern ihr und ihren Bewohnern eher Gutes zu tun.

Wer als Yogi nach diesem Grundsatz lebt, ist automatisch ein*e Aktivist*in.

Denn ein solcher Lebensstil wirkt sich auf verschiedene Arten auf die Umwelt aus. Zum Beispiel:

  • Du ernährst dich vegan bzw. vegetarisch, um der Natur und den Tieren weniger Leid zuzufügen - ein wichtiger Beitrag zum Umweltschutz
  • Du gibst anderen etwas von deinem Wohlstand ab, wenn du selbst mehr hast, als du brauchst
  • Du stehst neuen Menschen offener gegenüber, ohne sie im Vorhinein zu verurteilen
  • Du bist durch die Yogapraxis in gutem Kontakt mit deinen Bedürfnissen und kannst deshalb konsequent (stabil) für dich selbst und andere da sein, ohne dich zu sehr in deine eigenen Probleme und Sorgen zu verstricken

Mit solchen Handlungen und Entscheidungen veränderst du die Welt in kleinen Schritten und inspirierst andere dazu, es dir gleich zu tun. Wahrscheinlich wirst du mit der Zeit auch sensibler für das Leid anderer, kannst es nur schwer mit ansehen. Und genau dann ist es besonders wichtig, dass du dich nicht in einer spirituellen #selfcare-Blase versteckst.

Wir müssen Yoga von der Matte herunterholen.

Die körperliche Yogapraxis, wie wir sie meist üben, ist nur ein ganz kleiner Teil einer extrem vielfältigen Lebensphilosophie. Wenn wir Yoga nicht als reines Workout sehen, dann müssen wir es aus dem Studio mit in den Alltag nehmen. Natürlich bleibt der Vorsatz, sich mehr um andere zu kümmern, manchmal auf der Strecke - genau wie die hart erarbeitete Entspannung nach der Meditation oder Yogapraxis.

Aber genau so, wie du immer wieder diszipliniert auf deine Yogamatte zurückkehrst, um Kopfstand oder Handstand zu lernen, so oft du auch umkippst, kannst du üben, deine Beziehung zur Erde immer konsequenter mit mehr Mitgefühl zu gestalten. Die Disziplin und die Freude, die du während der Yogapraxis entwickelst, helfen dir dabei.

Ulrike Schäfer
Ulrike Schäfer ist Jivamukti-Yogalehrerin, Redaktionsleiterin des Blogs Fuck Lucky Go Happy und freie Autorin mit einem Schwerpunkt auf Yoga, Spiritualität und nachhaltigen Lifestyle. Sie lebt und arbeitet seit 2005 in Berlin, wo sie gerne Kaffee aus richtigen Tassen trinkt, Fahrrad fährt und Schauspieler auf Theaterbühnen zählt.