von Nina Lorenzen
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Ein schwarzer Freitag

Rolltreppen in einer Einkaufspassage

Der Black Friday läutet in den USA offiziell die Weihnachtssaison ein – während man am Tag vorher noch mit Familie und Freund*innen Truthahn und Pecan Pie isst, stürzt man sich einen Tag später gemeinsam ins Shoppinggetümmel. Und das inzwischen weltweit. Immer auf der Suche nach dem vermeintlich besten Deal. 

Wie können wir Qualität wieder schätzen lernen, wenn wir von Unternehmen auf Geiz konditioniert werden?

Schnäppchen Schild im Schaufenster

Bereits in den frühen Morgenstunden drängeln sich die Menschen vor den noch verschlossenen Türen. Dabei wartet hier niemand auf Beyoncé, sondern auf die seit Wochen beworbenen Sonderangebote zum Black Friday. Wer den Dokumentarfilm The True Cost gesehen hat, kennt die Bilder, in denen sich nach dem Öffnen der Ladentüren Menschenmassen auf die Waren stürzen, als ob es kein Morgen gibt.

Denn am Black Friday ist Schnäppchenjagd angesagt. Händler bieten hier reguläre Ware zum reduzierten Preis an. Der Clou: Die Produkte sind oftmals nicht wirklich stark reduziert, da die meisten Händler sich bei den Verkaufspreisen an den wesentlich höheren Preisempfehlungen der Hersteller orientieren. Die Strategie geht dennoch auf: In den USA gilt der Black Friday als umsatzstärkster Tag des Jahres. Die Bezeichnung selbst ist übrigens vollkommen ironiefrei und hat nichts mit dem Börsencrash von 1929 zu tun – der wird in den USA nämlich aufgrund der Zeitverschiebung Black Thursday genannt. Sprachforscher*innen vermuten, dass der Begriff Black Friday entweder auf die schwarzen Zahlen oder auf das Bild von Käufer*innen als einzige schwarze Masse zurückgeht.

Auch in Deutschland breitet sich die Black Friday-Hysterie zunehmend aus. 2017 vermeldete das Handelsblatt, dass die Rabattaktionen um den Black Friday vom Umsatz her immer mehr das klassische Weihnachtsgeschäft im Dezember verdrängen. Generell ist der deutsche Markt offen für amerikanische Bräuche, die auch unseren Konsumrausch antreiben – man nehme etwa Valentinstag und Halloween. Als Apple 2006 den Black Friday nach Deutschland brachte, um den Verkauf seiner iPods anzukurbeln, nahmen wir dankend an und belohnten den US-Giganten mit rauschendem Umsatz. Inzwischen sind auch deutsche Einzelhandelsgeschäfte auf den Black Friday-Zug aufgesprungen. Die Elektrohandelskette Saturn, denen wir den Werbeslogan „Geiz ist geil“ zu verdanken haben, veranstaltete 2017 eine „Black Week“ und setzt dieses Jahr auf ein „Black Weekend“. Und was wäre der Black Friday ohne einen Cyber Monday?, dachten sich schließlich die Onlinehändler. Und so gibt es bei Amazon mittlerweile eine ganze Cyber Monday-Woche, in der neben Tagesangeboten im 5-Minutentakt reduzierte Neuwaren angepriesen werden – solange der Vorrat (angeblich) reicht. Hat hier jemand behauptet, dass Shoppen keine harte Arbeit ist?

Dass wir den Black Friday aber nicht mit sinnlosem Shoppen verbringen müssen, zeigen uns beispielsweise die US-amerikanischen Unternehmen Patagonia und REI. Hier hat man das Marketingbudget in der Vergangenheit dafür genutzt, um einen Black Friday-Boykott zu bewerben. So erinnerte Patagonia in einer großflächigen „Don’t Buy This Jacket“-Anzeige in der New York Times daran, nichts zu kaufen, was wir nicht brauchen. Das Outdoor-Kaufhaus REI ruft seine Kund*innen unter dem Hashtag #optoutside dazu auf, in die Natur zu gehen, und lässt seine Ladentüren am Black Friday bereits seit vier Jahren geschlossen. Dass eine ganzheitliche Nachhaltigkeitsstrategie auch eine Sensibilisierung für bewussten Konsum umfasst, ist auch ein Grund, weshalb wir bei den meisten eco-fairen Brands keine Rabattaktionen am Black Friday sehen werden. Denn wie können wir Qualität wieder schätzen lernen, wenn wir als Verbraucher*innen von Unternehmen auf Geiz konditioniert werden?

Als Gegenbewegung zum Black Friday wurde 1992 Buy Nothing Day ins Leben gerufen, auch Kauf-nix-Tag genannt. Hierbei handelt es sich um einen konsumkritischen Aktionstag, der nicht nur dazu anregt, das eigene Konsumverhalten zu reflektieren, sondern der durch bewussten Konsumverzicht ein klares Zeichen gegen die Wachstumspolitik setzen soll. Denn unsere wirtschaftliche Wachstumsparty geht nicht nur auf Kosten von Umwelt, sondern auch auf Kosten der Menschen entlang der Produktionskette.

Aus dem Buy Nothing Day hat Greenpeace e.V. 2017 die positive Kampagne MAKE SMTHNG WEEK entwickelt. Das „Festival des Selbermachens“ soll uns dazu ermutigen, zu machen statt zu kaufen, und zeigt dabei kreative Konsumalternativen auf. Neben Online-Challenges und DIY-Tutorials gibt es auch dieses Jahr vom 23.11. bis zum 2.12. wieder weltweit Aktionen und Events zum Mitmachen.

Solange wir bewusst konsumieren, ist es natürlich vollkommen in Ordnung, auch mal am Black Friday zuzuschlagen. Aber ein stärkeres Zeichen gegen Überfluss und Ressourcenverschwendung setzen wir, wenn wir dem ganzen Konsumwahnsinn in den nächsten Tagen fernbleiben. So sparen wir nicht nur  Energie und Geld, sondern auch jede Menge Zeit. Wie wäre es, wenn wir stattdessen das Buch aus dem Regal holen, das wir immer schon mal lesen wollten? Oder den angefangenen Schal zu Ende stricken, das tolle Kürbisrezept kochen oder endlich schauen, für welchen Verein wir uns engagieren können? Und falls wir doch Zeit am Handybildschirm verbringen: Mit den Hashtags #buynothing oder #makesmthng können wir auf unseren Social Media-Profilen rund um den 23. November für zusätzliche Awareness sorgen. Deal? Deal!

Nina Lorenzen
Nina Lorenzen bloggt über nachhaltigen Lifestyle auf Pink & Green. Als Mitgründerin von nXm produziert sie Bewegtbilder für soziale und nachhaltige Projekte. Außerdem ist sie Co-Gründerin der Fashion Changers, ein Social Business für eine fairere Modeindustrie. Am Black Friday wird sie wahrscheinlich ein gutes Buch lesen.