von Anika von Keiser
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Der tägliche K(r)ampf mit Ernährungsmythen

Apfel oder Schokolade

In Zeiten, in denen sich die wenigsten Menschen hierzulande mit der Sorge herumplagen müssen, ob sie am nächsten Tag überhaupt etwas zu essen haben werden, nimmt kaum ein Thema soviel Raum ein, wie die Frage, was es zu essen gibt. Und auch, was es nicht gibt. Was verträgt der Homo Digitalis noch?
Sind Eier, Milch, Zucker, Weizen und Schweinefleisch wirklich Nahrungsmittel aus der Hölle? Ernährung – bei kaum einen Thema herrscht so viel Uneinigkeit unter Freunden, Familienangehörigen, Liebenden und nicht zuletzt auch unter Wissenschaftlern sowie Ärzten.

Was Ernährungsexperten und die, die es gerne wären, mitunter vergessen: Für wen ist eigentlich der Brei bestimmt?

Tischdekoration Frau macht sich selbst eine Fingerbrille

Viele Köche verderben den Brei

Wenn viele Köche einen gesunden Brei kochen sollen, dann hat wahrscheinlich jeder ein anderes Rezept. Und jeder von ihnen weiß, zu verargumentieren, warum ausgerechnet sein Rezept das beste und besonders gesund ist.
Die Quellen für das kulinarisch-gesunde Halbwissen sind vielfältig. Hier ein paar Beispiele:

• Wer in den 1980’er Jahren schon in der Lage war, Werbesprüche aufzunehmen, erinnert sich bestimmt an diesen: „Milch macht müde Männer munter“. Manch einer glaubt der vermeintlichen Weisheit noch heute und hält Milch unter anderem für knochenstärkend. Andere unterstellen ihr eine östrogenisierende Wirkung, die Männer alles andere als im gedachten Sinne munter macht. Bedenkt man, zu welchem Zweck Mutterkühe eigentlich Milch produzieren – richtig, zur Aufzucht von Kälbern – kommt man zumindest ins Grübeln, ob sie wirklich auf den Speiseplan eines erwachsenen Menschen gehört.

• Vor gar nicht allzu langer Zeit gingen neueste Erkenntnisse einer amerikanischen Professorin durch die Presse, nach denen das bis dato als Superfood angepriesene Kokosöl alles andere als der Gesundheit zuträglich sein sollte; schlimmer als Schweineschmalz sogar, da die gesättigten Fette Herzkranzgefäße verstopfen würden. Unabänderliche Folgen: Krankheit und früher Tod. Ein Aufschrei hallte durch die Reihen der Ernährungskundigen – schließlich hatte man jahrelang Kokosfett für uneingeschränkt gesund gehalten. Wer hat Recht? Man weiß es nicht – die Amerikanerin ruderte inzwischen ein wenig zurück. Die Diskussion darüber, ob das Übel in der Nuss lauert oder nicht, dauert an.

• „Obst und Gemüse darfst Du bei jeder Diät so viel essen, wie Du willst!“ heißt es in vielen Diätplänen. Dagegen heißt es von anderer Stelle: „Von zu viel Obst wirst Du erst richtig dick!“ Warum das? Ganz einfach: Obst enthält Fruchtzucker. Und Zucker speichert der Körper in Fettzellen. Außerdem führe Fruchtsäure zur Übersäuerung des Systems.

Das sind nur drei von zahlreichen Kontroversen in puncto Ernährung. Wahrscheinlich gibt es zu jedem Aspekt hunderte Meinungen und mindestens ebenso viele Experten.

Was für einen Brei machen wir denn nun?

Widmen wir uns wieder den vielen Köchen, die den Brei verderben. Der eine Koch würde ihn vielleicht mit Milch kochen, mit Kokosöl abschmecken und mit reichlich Früchten garnieren. Schon bei diesem Gedanken bekommt ein anderer Koch einen Zuckerschock mit anschließendem Herzkasper. Und wir können uns sicher sein, dass die Anzahl der Rezepte für einen gesunden Brei mindestens der Anzahl der anwesenden Köche entspricht. Und wenn der Brei nun für uns gekocht wird: Wie sollen wir uns sicher sein, dass er uns bekommt?

Perspektivenwechsel

Was Ernährungsexperten und die, die es gerne wären, mitunter vergessen: Für wen ist eigentlich der Brei bestimmt? Hier greift das Sprichwort: Der Wurm soll dem Fisch schmecken und nicht dem Angler – oder besser: Er sollte ihm bekommen. Das soll kein Aufruf zur Verspeisung der proteinhaltigen, kalorienarmen Kriechtiere sein, sondern schlicht ein Perspektivenwechsel. Der Brei ist schließlich für den Gast gedacht und nicht für den Koch. Und was für Erstgenannten tatsächlich gut ist, steht in keinem allgemeingültigen Ernährungsberater. Denn jeder Mensch tickt anders: Was für den einen gut ist, ist nicht zwingend für den anderen ebenso bekömmlich.

Individuelle Regeln

Es gibt tausende Studien über gesunde Ernährung. Und wer sich die Mühe macht, all die Ergebnisse zu sichten und auszuwerten, würde sehr schnell feststellen: Sie widersprechen sich. Sie gelten nicht für alle. Verschwörungstheoretisch könnte sicherlich auch behauptet werden: Einige Studien gibt es nur, um den Konsum eines bestimmten Lebensmittels anzukurbeln (irgendwo habe ich gelesen, dass sämtliche Untersuchungen, die belegen, dass Milch gesund ist, von der entsprechenden Industrie finanziert wurden). Ihre Glaubwürdigkeit entspricht folglich jenen Studien, die von Pharmakonzernen gesponsert wurden und zu dem Schluss kommen, dass die Naturheilkunde wirkungslos sei.

Letztlich ist es recht einfach: Den pauschalen und allgemeingültigen Fahrplan für eine gesunde Ernährung gibt es nicht. Jeder Mensch ist – zum Glück – individuell und reagiert auf Lebensmittel, Nähstoffe und Zutaten anders. Was für den einen gut ist, kann für den anderen schlecht sein.

Pauschalaussagen

Sicherlich gibt es einige Regeln, die für jeden Menschen gelten. Einleuchtendes Beispiel: Der tägliche Genuss von Fast Food diverser Burgerketten, Kartoffelchips und Schokolade schadet definitiv. Und Getränke, in denen Zucker enthalten ist (ja, auch der gute Bio-Apfelsaft) machen, bei übermäßigem Verzehr, dem Körper keine Freude. Diese Liste lässt sich beiebig weiterführen. Wer sich ein wenig mit der Ernährung beschäftigt, weiß sehr schnell, was ungesund ist und worauf verzichtet werden sollte.

Was ist nun gut für mich?

Die schlechte Nachricht zum Schluss: Es gibt keine Ernährungsweise, die für alle gleichermaßen gesund ist. Wer die Grundregeln einer gesunden Lebensweise beachtet, kann damit allerdings den ersten Schritt in die richtige Richtung setzen. Was für das Individuum gut und richtige ist, muss es selbst herausfinden.
Ich möchte jedem und jeder zu diesem Thema ein sehr unterhaltsames Buch empfehlen, das ohne erhobenen Zeigefinger auskommt und meinen Horizont in Sachen „Ernährung“ definitiv erweitert hat: „Der Ernährungskompass“ von Bas Kast. Zwar stimme ich nicht in allen Punkten mit dem Autor überein, aber das ist (vielleicht mal) eine andere Geschichte ...

Anika von Keiser
Anika ist Texthexe und Formulierungsfee. Sie liebt Wortklaubereien und hat immer eine Goldwaage im Gepäck auf die alles gelegt wird, was Buchstaben hat. Sie hat gern das letzte Wort – und nicht nur das ist bei ihr in guten Händen.

http://massschreiberei.de